Pamela Dellal, mezzo soprano

 

uncommon intelligence, imagination and textual awareness...
PDme

 

 

Elisabeth Kulmann-Lieder, op. 104 (Robert Schumann)

 

Widmung 
Es sind diese schlichten Lieder dem Andenken eines Mädchens gewidmet, das schon lange nicht mehr unter uns weilt, das die Wenigsten wohl kaum dem Namen nach kennen. Und doch sie war vielleicht eines jeder wunderbarbegabten Wesen, wie sie nur selten, nach langen Zeiträumen auf der Welt erscheinen. Der Weisheit höchste Lehren, in meisterhaft dichterischer Vollendung zur Aussprache gebracht, erfährt man hier aus Kindesmund, und wie ihr Leben, im stillen Dunkel, ja in tiefster Armuth hingefristet, zur reichsten Seligkeit sich entfaltet, das muss man in ihren Dichtungen selbst nachlesen. Ein nur annäherndes Bild ihres Wesens können diese wenigen, aus tausenden ausgewählten kleinen Lieder, unter denen überhaupt nur wenige sich zur Composition eignen, nicht geben. War ihr ganzes Leben Poesie, so konnten aus diesen reichen Sein nur einzelne Augenblicke ausgewählt werden. 

Wenn diese Lieder dazu beitrügen, die Dichterin in manche Kreise einzuführen, wo sie bis jetzt noch nicht gekannt, so wäre ihr Zweck erfüllt. Früher oder später wird sie gewiss auch in Deutschland als der helle Stern begrüsst, der, schon vor drei Jahrzehnten von Einzelnen im Norden erkannt, seinen Glanz nach und nach über alle Länder ergiessen wird.    

The postlude for the song cycle reads as follows:

 Sie starb, bis zu ihren letzten Minuten schaffend und dichtend den 19. November 1825 im 17" Jahre. Zu den Gedichten der letzten Zeit gehört auch jenes merkwürdige "Traumgesicht nach meinem Tode" in dem sie selbst ihren Tod beschreibt. Es ist vielleicht eines der erhabensten Meisterstücke der Poesie. So schied sie von uns, leicht wie ein Engel, der von einem Ufer zum andern übersetzt. aber in weithinleuchtenden Zügen die Spuren einer himmlischen Erscheinung zurücklassend.

– Robert Schumann, Düsseldorf, an 7 Juni 1851   

Dedication
These unpretentious songs are dedicated to the memory of a girl who departed from us long ago, and whose name is known to very few. And yet she was one of those wondrously gifted beings who appear only very rarely on earth. The most sublime teachings of wisdom, expressed here with the utmost poetic perfection, come from the lips of a child; and it is in her very poetry that we read how her life, spent in quiet obscurity and the greatest poverty, became richly happy. These few small songs, chosen from several thousands, of which only a few lend themselves to composition, cannot give even an approximate notion of her character. Though her whole life was one of poetry, only a few moments from this rich existence can be selected. 

 

If these songs could help introduce the poetess to many circles where she is still unknown, their purpose will have been fulfilled. Sooner or later she will certainly be greeted in Germany too, as she was thirty years ago by some in the north, as the bright star which will gradually shine forth across every country.
(Düsseldorf, 7 June 1851)

 Postlude

 She died, writing poetry to the very end, on 19 November 1825, in her seventeenth year. Among her late verse is the remarkable 'A Vision after my Death', in which she describes her own death. It is, perhaps, one of the most sublime masterpieces in all poetry. Thus she departed, as airy as an angel passing from one shore to another, but leaving behind her the luminous trail of a heavenly vision, gleaming afar.

"Die Dichterin, den 17. Juli 1808 in St. Petersburg geboren, verlor frühzeitig ihren Vater und von sieben Briidern sechs, die Letzteren in den Schlachten der Jahre 1812-14. Es blieb ihr nur die Mutter, die sie mit zärtlicher Liebe bis an ihr Ende verehrte. Aus den zahlreichen Gedichten an sie, ist das folgende ausgewählt."

Mond, meiner Seele Liebling,
Wie schaust du heut' so blass?
Ist eines deiner Kinder,
O Mond, vielleicht unpass? 

Kam dein Gemahl, die Sonne,
Vielleicht dir krank nach Haus?
Und du trittst aus der Wohnung,
Weinst deinen Schmerz hier aus? 

Ach! guter Mond, ein gleiches
Geschick befiel auch mich.
Drin liegt mir krank die Mutter,
Hat mich nur jetzt um sich! 

So eben schloss ihr Schlummer
Das Aug' ein Weilchen zu;
Da wich, mein Herz zu stärken,
Vom Ort ich ihrer Ruh. 

Trost sei mir, Mond, dein Anblick,
Ich leide nicht allein:
Du bist der Welt Mitherrscher,
Und kannst nicht stets dich freun!

"The poet, born on the 17th of July 1808 in St. Petersburg, lost her father and six of seven brothers at an early age, the last in the War of 1812-14. Only her mother remained to her, whom she cherished with the tenderest love up to the end. The following is selected from numerous poems to her. "


Moon, beloved of my soul,

Why do you look so pale tonight?
Is one of your children,
O moon, perhaps unwell?

Did your spouse, the sun,
Perhaps come home sick?
And you came out of the house
To weep out your pain here?

Alas! Good moon, a similar
Thing has happened to me too;
My mother lies sick inside,
And has only me with her now!

As soon as sleep closed
Her eyes for a little bit,
to strengthen my heart,
I slipped away from her bedroom.

May your appearance comfort me, moon,
I’m not suffering alone;
You are one of the rulers of the world,
And you cannot always be happy!

"Obwohl deutscher Herkunft, und in deutscher Sprache wie ihrer Muttersprache dichtend, ist die Dichterin eine warme Patriotin ; an unzähligen Stellen preist sie die Schönheiten des nordischen Himmels. Das folgende Gedicht ist ein Beleg dazu."

Viel Glück zur Reise, Schwalben!
Ihr eilt, ein langer Zug,
Zum schönen warmen Süden
In frohem kühnen Flug. 

Gern möchte wohl die Reise
Ich einmal tun mit euch,
Zu seh'n die tausend Wunder,
Die dar beut jedes Reich. 

Doch immer käm ich wieder,
Wie schön auch jedes Land,
Und reich an Wundern wäre,
Zurück in's Vaterland.

“Although a German immigrant, who wrote in German like a native language, the poet is a fervent patriot: in countless places she praises the beauties of the northern skies. The following poem is an example of this.”

Best wishes on your journey, swallows!
You embark on a long trip
To the lovely warm south
By a joyful, courageous flight.

I would so like to take
This journey with you one day,
To see the thousands of wonders
That every country offers.

Yet, I would always return,
However beautiful Or rich in wonders
each country might be,
Back to my homeland.

"Es wurde ihr wohl von unverständigen Kindern ihre Armuth manchmal vorgeworfen; das folgende Lied ist eine Antwort darauf."

Du nennst mich -- armes Mädchen;
Du irrst, ich bin nicht arm.
Entreiss dich, Neugier halber,
Einmal des Schlafes Arm, 

Und schau' mein niedres Hüttchen,
Wenn sich die Sonne hold
Am Morgenhimmel hebet:
Sein Dach ist reines Gold! 

Komm' Abends, wann die Sonne
Bereits zum Meere sinkt,
Und sieh' mein einzig Fenster,
Wie's von Topasen blinkt!

“Oftentimes inconsiderate children would mock her for her poverty; the following song is an answer to this.”

You call me – poor girl;
You are wrong; I am not poor.
If you wrench yourself, half curious,
Sometime out of sleep’s embrace,

And behold my humble little cottage
When the sun gloriously
Rises in the morning sky:
Its roof is pure gold!

Come in the evening, when the sun
Is ready to sink into the sea,
And see my only window,
How it sparkles like topaz!

"Ein Lied aus ihrem frühsten Mädchenalter, vielleicht schon im elften Jahre gedichtet. So reizend naive enthalten die Dichtungen jener Zeit an die Hundert. Auf das tiefste spiegelt sie überall die Wirklichkeit ab."

Der Zeisig
Wir sind ja, Kind, im Maie,
Wirf Buch und Heft von dir!
Komm' einmal her in's Freie,
Und sing' ein Lied mit mir. 

Komm, singen fröhlich beide
Wir einen Wettgesang,
Und wer da will, entscheide,
Wer von uns besser sang!

“A song from her earliest girlhood, perhaps written even in her eleventh year. Her poetry from this time contains such charming naïve works by the hundred. Truth is reflected everywhere out of the depths.”

The Cheeky Bird
Here we are, little girl, in May;
Toss your books and burdens away!
Come on outside in the open,
And sing a song with me.

Come, we will happily sing
A contest together;
And whoever wants to, will decide
Which of us sang better!

"Wie oft in ihren Dichtungen beschäftigt sie sich visionsartig mit ihren Hingeschiedenen. Mit herrlicher Liebe hängt sie an dieser Welt, ihren Blumen, den leuchtenden Gestirnen. den edlen Menschen, die ihr auf ihrem kurzen Lebensweg begegneten. Aber es ahnt ihr dass sie sie bald verlassen muss."

Reich mir die Hand, o Wolke,
Heb mich zu dir empor!
Dort stehen meine Brüder
Am offnen Himmelstor. 

Sie sind's, obgleich im Leben
Ich niemals sie geseh'n:
Ich seh' in ihrer Mitte
Ja unsern Vater steh'n! 

Sie schau'n auf mich hernieder,
Sie winken mir zu sich.
O reich' die Hand mir, Wolke,
Schnell, schnell erhebe mich!

“How often, in her poetry, she concerns herself with her passing, as if in a vision. With powerful love she clings to this world, her flowers, the glowing stars, and the noble people that she has met in her brief life. But she senses that she must soon leave them behind.”


Stretch out your hand, o cloud,
Lift me up to you!
My brothers stand there
By the open gate of heaven.

They are there, although in life
I never saw them:
I see, even in their midst,
Our father standing!

They look down on me
And beckon me to come.
O stretch out your hand, cloud,
Quickly, quickly lift me up!

"Ein Gedicht voll trüber Todesahnung, wohl aus ihrem letzten Lebensjahr. Sie hatte neben ihrer "Hütte" ein kleines Gärtchen, in dem sie Jahraus, Jahrein, Blumen pflegte. Auch eine Pappel stand in der Nähe."

Die letzten Blumen starben!
Längst sank die Königin
Der warmen Sommermonde,
Die holde Rose hin! 

Du, hehre Georgine,
Erhebst nicht mehr dein Haupt!
Selbst meine hohe Pappel
Seh ich schon halb entlaubt. 

Bin ich doch weder Pappel,
Noch Rose zart und schlank,
Warum soll ich nicht sinken,
Da selbst die Rose sank?

“A poem full of dark foreboding of death, likely from her final year. Next to her cottage she had a little garden where, year in, year out, she cultivated flowers. A poplar grew nearby as well.”

The last flowers are dying!
In the end the queen
Of the warm summer months,
The lovely rose, sank down!

You, noble dahlia,
Lift your head up no more!
Even my tall poplar
Is already half bare of leaves.

Since I am not either a poplar,
Nor a delicate, slender rose;
Why should I not also wither,
When even the rose drooped?

"Wohl kurz vor ihrem Ende gedichtet. Ihr baldiger Tod scheint ihr gewiss; nur der Gedanke an die zurückbleibende Mutter macht ihr Schmerz, den tiefsten."

Gekämpft hat meine Barke
Mit der erzürnten Flut.
Ich seh' des Himmels Marke,
Es sinkt des Meeres Wut. 

Ich kann dich nicht vermeiden,
O Tod nicht meiner Wahl!
Das Ende meiner Leiden
Beginnt der Mutter Qual. 

O Mutterherz, dich drücke
Dein Schmerz nicht allzu sehr!
Nur wenig Augenblicke
Trennt uns des Todes Meer. 

Dort angelangt, entweiche
Ich nimmermehr dem Strand:
Seh' stets nach dir, und reiche
Der Landenden die Hand.

“Probably written shortly before her end. Her approaching death was apparent to her; only the thought of her mother, left behind, gave her the deepest sorrow.”

My boat has fought
With the angry waves.
I can see the goal of heaven,
The rage of the sea recedes.

I can not avoid you,
O death, no choice of mine!
The end of my suffering
Will begin my mother’s anguish.

O mother’s heart, may your pain
Not oppress you all too heavily!
Only for a few moments
Will the sea of death part us.

There, longingly, I will
Never depart from the shore:
I will constantly watch for you, and reach out
My hand to the new arrival.

© Pamela Dellal